Das, was so gerne träumt

Den Zustand beobachten. Merken, da ist irgendwie etwas das immer ins Unglücklichsein führt. Etwas will immer mehr. Will mehr von dem und will das und dann beginnt es zu träumen. Oh, das wäre gut, das müsste man haben und so müsste es sein. Und das setzt immer an, wenn Leerlauf entsteht. Wenn nichts Weiteres ansteht. Wenn ich von getaner Arbeit nach Hause komme. Diese Unzufriedenheit, dieses Gefühl mich rechtfertigen zu müssen für mein Dasein. Als bräuchte ich eine Seins-Erlaubnis. Als müsste ich fragen, ob ich jetzt einfach nur leben darf. Irgendwas ist nie richtig. Es gilt immer noch etwas erreichen zu müssen. Etwas in mir ist sehr getrieben, ist unruhig und nicht einverstanden. Es ist traurig und wie ich das schreibe kommt ein tiefer Seufzer.

 

Das da drin, was hat es denn? Warum träumt es so gerne? Warum kann es nicht umsetzen, was es will? Warum hält es sich in einem Zustand von Unzufriedenheit? Warum mag es die Werte nicht erkennen? Warum mag es sich nicht einlassen? Warum will es immer weg? Warum ist nie genug? Warum mag es nicht ankommen?

 

Hallo du, du da drinnen. In meiner Brust sitzt es und mag nicht wirklich angesprochen werden. Es zieht sich zurück. Es ist bekümmert. Es kräuselt die Stirn und schaut grimmig drein. Es will jammern und hängt herum. Es stottert und versucht etwas zu sagen. Immer wieder kommen tiefe Atemzüge, als entspanne sich etwas. Es schaut betrübt drein. Ich glaube es möchte sagen, dass alles keinen Sinn hat. Ist es das? „Ja und es hört mir eh keiner zu“, sagt es. Es tut sich schwer. Es ist in der Pubertät und eigentlich etwas pampig. Am liebsten will es schreien „lass mich“. Aber irgendwas mag es auch an der Aufmerksamkeit, die es bekommt.

 

Der Blick geht immer zu Boden oder irgendwo hin. Es meidet die direkte Konfrontation. Ich brauche viel Geduld für es. Es jammert. Es kann sich selbst nicht ausstehen. Alles ist so schwer, findet es. „Warum kann ich nicht mehr Glück haben, warum kann mir nicht alles einfach zufallen? Warum muss ich immer für alles kämpfen? Warum ist es nicht leicht, das zu tun, was ich will? Warum lässt man mich nicht einfach in Ruhe? Warum muss ich immer so viel? Ich mag nicht mehr! Ich mag eure Anforderungen nicht. Ich trotze! Ich reiße aus.“ Ich spüre es in meinen Beinen. In den Leisten. „Ich mag nichts mehr leisten! Ich will alles zertreten, wie Pappe. Alles einreißen. Ich will den Mittelfinger zeigen und gehen. Es geht nicht um mich, es ging nie um mich. Ihr habt mich benutzt. Und ich dachte ihr meint mich. Aber ihr hattet Angst, um euch selber, aber nicht um mich. Höchstens vor mir.“

 

Ich fühle die Rebellion, den Schmerz nicht als Mensch gemeint zu sein. Weil so viele Systeme wichtiger sind als der Mensch. Ein Aufschrei! Ein Stopp! Das in mir hat eine Kraft bekommen. Steht breitbeinig und haut alles raus. Es will rennen so weit und so schnell es kann. Energie verbrauchen. Schnauben und schimpfen. „Das ist ungerecht! Das ist nicht richtig! Das will ich für mich nicht mehr. Nicht mit mir und mitmachen tue ich auch nicht. Wir sind Menschen!“ Da ist Zorn und Wut. Etwas wird groß in mir und klar und aufrecht. Da versteckt sich nichts mehr. Da geht etwas in die Konfrontation. Blaue Augen schauen mich an. Stark und durchdringend. Hier geht’s nicht mehr dran vorbei. Hier muss man hinsehen. Hier wird ein Nein aktiv und Grenzen werden abgesteckt. Wie gut. Hier entsteht ein Gegenüber. Hier zeigen sich Konturen. Hier lacht Kampfeslust oder ist das einfach Willenskraft?

 

Oh, es wird warm in meiner Brust, als hätte einer ein Feuer angezündet in mir. Da ist so etwas Entschlossenes und Aufrechtes. Da weicht nichts mehr aus und dennoch ist es auch zart. Es will sich gehalten fühlen. Ich nehme die junge Frau in den Arm und sie weint, weil sie lange alleine gekämpft hat. So lange und so viel hat sie immer gegen etwas gelebt, weil sie keinen Raum für sich hatte. Da war einfach kein Platz, also musste sie sich immer behaupten. Immer drücken, immer zwängen, immer aushalten und eigentlich einbrechen und sich leer fühlen und ausgelaugt. Jetzt halte ich sie und sie ist nicht müde zu kämpfen. Sie hat es so gelernt. Du musst nicht kämpfen, kennt sie gar nicht. Sie fühlt sich desorientiert. Sollte sie sich wirklich entspannen dürfen?

 

Da ist so viel Druck in meiner Brust und mein Aufatmen macht es etwas leichter. Da ist ein Gefühl von nicht ganz wissen, von einer Art Enttäuschung, auch noch von Ärger und Betrug. Ob Aussöhnung möglich ist? Das ist nicht in Ordnung in einem System gefangen gehalten zu werden, aber diese Erfahrung soll mir auch nicht weiter schaden. Ich will frei sein davon. Ich glaube dafür müssen noch viele Tränen geweint werden. Meine Lebendigkeit hat schwer gelitten, aber ich will auferstehen. Ich spüre die ersten Anzeichen des Frühlings in mir. Da ist eine Knospe in meiner Brust. Stark und mit Liebe gefüllt. Da ist auch noch Frost und die Angst vor dem Sich-öffnen. Da ist diese Stille und Schwere. Das ist die Schwelle von Winter zu Frühling.

 

Es ist okay. Es braucht Zeit und Geduld. Aber da ist ein Lächeln auf meinen Lippen entstanden. Eine einfache Zufriedenheit taucht auf. Ich seufze. Schaue heraus in die knorrigen Äste vor meinem Fenster und komme zurück in mein Zimmer mit der Wahrnehmung. Es hat sich etwas verändert. Ich habe mich verändert und damit gehe ich jetzt. Dafür ist es nicht wichtig, ob sich alles erklärt und beantwortet hat. Hier hat sich etwas gezeigt, was gut tat gesehen zu werden. Das reicht erstmal und alles andere wird sich zeigen.  

 

Janika

Kommentar schreiben

Kommentare: 0