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Wie kann ich konkret werden?

Wenn ich erkenne was wirklich passiert, jetzt gerade? Wenn ich nicht mehr weg sehe? Nicht mehr schwammige Antworten gebe? Nicht mehr ausweiche? - Was hindert mich daran konkret zu sein?

 

Da ist etwas, dass möchte nicht hinsehen, weil es zu schmerzhaft ist. Das Leid ist zu groß, überall. Es ist leichter zu sagen, das wird schon irgendeinen Sinn haben. Was weh tut kann ich umgehen, einhüllen, wegschließen.

 

Ich kann mir positive Affirmationen an die Wand hängen, kann sagen, dass das alles gar nicht wirklich ist, kann andere verantwortlich machen, dafür dass es der Welt so schlecht geht und mir darin auch. Ja, wir können von Schuld sprechen. Ändert das was?

 

Was passiert dabei mit mir, wenn ich nicht den Mut habe es an mich ran zu lassen? Wohin wandert mein Blick? Was passiert mit meinen Beziehungen? Was begegnet mir im Leben? Kann ich mich fühlen? Was ist mit meinem Körper los?

 

Werde ich nicht herausgefordert? Ruft nicht alles nach meiner Präsenz? Nach meinem Handeln? Nach dem Konkreten? Steigert es sich nicht? Wird es nicht zu viel? Zu laut? Zu einnehmend? Wie ein schreiendes Kind, das Aufmerksamkeit will?

 

Bin ich immer noch bereit wegzusehen? Was spüre ich dabei? Wo ist meine Aufmerksamkeit? Spüre ich die Not? Atme ich noch? Bin ich noch beweglich? Ist mir nicht zum Heulen? Täte es vielleicht gut mal loszulassen?

 

Ja, es ist schwer und was passiert ist erschreckend und dafür gibt es kein Aber. Es ist kaum zu glauben. Es tut weh und wird eng. Und noch viel mehr und noch viel heftiger. Es ist schrecklich! Es ist zum Verzweifeln! Es ist scheiße!

 

Da ist Wut! So soll es nicht sein, ich will es anders haben! Etwas richtet sich auf. Etwas will aufräumen. Ich schiebe beiseite, entsorge und schaffe Platz. Energie steigt in mir auf. Ich wirbel herum. Ich will etwas anpacken, etwas schaffen, bewegen, konkret werden!

 

Ich nehme mein Leben in die Hand. Meine Hände sind warm und kraftvoll. Sie geben mir Mut und Halt. Mein Körper sagt wo es lang geht, was ansteht und was ich brauche. Ich stehe für mich ein. Bewältige was schwer fällt. Ich bin mit mir!

 

Was ist mit dem, was meine Hände nicht erreichen können? Was ist mit dem außerhalb meiner Reichweite? Soll ich daran verzweifeln, weil es sich nicht ändern lässt? Ich tauche ab und spüre hinunter in die Not.

 

Kommt jetzt die Frage, warum will ich die Welt retten? Brauche ich das? Ist die Welt überhaupt zu retten? Ich nehme Abstand. Was ist mein Motiv? Für wen oder was tue ich es? Es drängt mich zu der Frage, was wäre wirklich konstruktiv?

 

Mein Verstand dreht Kreise, da scheint die Antwort nicht zu finden zu sein. In mir drin spüre ich lustiger Weise so was wie Liebe und Zuneigung. Etwas fürchtet zugleich den Kitsch. Doch da ist so etwas wie Geborgenheit, in die ich mich sinken lasse.

 

Ich lebe gerne, wenn ich nicht im Stress bin. Etwas will sich nicht fürchten, will die Zukunft nicht fürchten. Will eher Samen setzen und für Sonne sorgen. In mir drin wächst ein Baum der Schutz bietet für alles, was unter ihm entstehen will.

 

Er ist kraftvoll und symbolisiert Lebendigkeit. Selbst ich stehe unter seinem Schutz. Ich rieche sein harziges Holz und sein saftiges Grün. Da stehe ich und blicke über weites Land. Ist das realistisch dem Baum in mir zu vertrauen?

 

Dieser Kraft im Inneren, diesem Wohlgefühl im Wachstum, dieser Freude am Leben schenke ich mein Einverständnis. Ja, das scheint es nur zu sein. Ich hoffe nicht, ich fürchte nicht, hier ist einfach ein zustimmen.

 

Und ja, da draußen ist viel Leid und ja, auch in mir immer wieder. Ich leugne nicht was ich sehe und was ich bin. Ein Mensch und verletzlich, sowie die Erde. Irgendwie liegt darin Frieden und die Kraft des Baumes in mir.

 

Mein Vater hat mal zu mir gesagt, wenn du lieben willst, musst du die Arme ganz weit aufmachen. Auch auf die Gefahr hin, dass der Liebste geht. Ist das auch so mit der Welt? Ist es konkret die Arme aufzumachen und die Augen und den Mund auch.

 

Ich bleibe da. Ich leugne nichts, aber verliere mich auch nicht im Leid. Ich weine die Tränen, die geweint sein müssen und atme. Ich bin lebendig und fürchte nichts. Ich bin sensibel an der Stelle in meinem Inneren an der ich spüre, wenn etwas hängen bleibt.

 

Ich begegne dem was für mich ist, was ich nicht durchlassen kann. Ich sorge für meine Offenheit und Präsenz. Ich liebe, so gut ich kann.

 

Janika

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Theo (Samstag, 02 November 2019 09:43)

    Was soll ich sagen... schöner Baum der da wächst...und Ja! Kitsch macht Angst - Die Arme ganz weit auf... Die Liebsten gehen nicht, sie bleiben für immer im Herzen und lieben so gut wie sie können, dann wird es nicht weniger sondern mehr. Die Form vergeht, die Liebe bleibt und wird stark, angstfrei ... überhaupt frei! Love and be free. Theo