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Ihre Elegie

Sie ist müde geworden. Ihre Gedanken sind laut, aber sie hört sie nicht mehr. Es gibt mehr unter der Sonne. Sie spürt es und kann es nicht mehr leugnen. Ja, ihr Körper spricht zu ihr. Er sagt nein. Nein, nein, nein. Vieles stimmt einfach nicht mehr. Sie kann nicht mehr so weitermachen wie bisher. Es kostet so viel Kraft die alten Muster aufrecht zu halten. Sie ist müde geworden.

 

Alles um sie herum fährt noch immer die selbe Schiene. Es hat sich nichts geändert. Nur sie steht da und weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Für sie geht es so einfach nicht mehr, aber damit scheint sie allein zu sein.

 

Lange noch hat sie versucht mitzuhalten und immer wieder noch überkommt es sie und dann will sie dabei sein, mitmachen, dazu gehören. Aber es ist ihr Körper der streikt. Er will so nicht mehr. Jetzt fühlt sie sich wie ein Wrack. Sie kann nicht mehr auf dem alten Wege und einen neuen gibt es noch nicht.

 

Wenn alles für einen Moment anhalten könnte, nur eine kleine Weile. Wenn sie Zeit hätte sich zu erholen. Einfach eine Auszeit, um sich neu zu erfassen. Aber die Maschinen gehen weiter, die Zeit tickt und der Rubel rollt. In diesem System gibt es kein aufatmen. Keine Seele die Luft holt.

 

Aussteigen. Wohin aussteigen? Wohin mit einem unfertigen Zustand? Sie ist schwermütig geworden und meistens geht es so weiter wie immer. Sie träumt von einem Paradies und der Alltag lässt sie wieder erwachen. Etwas weint innen drin und bekommt ärger von oben, denn Tränen verändern nichts. Die Tatsachen sind bitter, denkt das Kritische.

 

Aber sie weiß, dass es eine Lösung geben muss. Ein Körper, der nicht mehr weiter machen will, ist in seinem Prozess doch dann noch nicht fertig. Er sucht die Lebendigkeit, sucht Wege wieder weich zu werden, arbeitet und arbeitet und wächst in den nächsten stimmigen Schritt. Sie beginnt ihrem Körper zu vertrauen und lauscht achtsam seinen Signalen, um ihm nicht im Weg zu stehen oder ihn in eine bestimmte Richtung zu drängen.

 

Es ist kein leichter Prozess. Längst sind ihre Ansichten zu Festigkeiten geworden, die sie für Tatsachen hält. Wie kann sie mit den Augen des Körpers schauen? Wie aus dem Empfinden sehen? Es scheint eine tägliche Übung, die viel Nachsehen und Geduld braucht. Aber es ist keine Übung, wie Vokabeln auswendig lernen, es ist mehr Genuss, denn der Körper antwortet mit Zufriedenheit. Ihm entgegen zu kommen tut gut. Auf ihn zu hören macht Freude. Es wird leichter, wenn die Entscheidung klar ist.

 

Sie seufzt und geht ein paar Schritte. Der Konflikt in ihr ist der Zwiespalt, auf der einen Seite zu spüren wie es eigentlich sein will und sich auf der anderen Seite in den Regeln der Gesellschaft gefangen zu fühlen. Dies erscheint ihr wie eine undurchdringbare Kluft. Sie sieht keine Brücke zu bauen und sie will sich auch nicht mehr trösten. Etwas in ihr ist sehr radikal. Vielleicht nicht radikal genug und vielleicht wächst es einfach noch.

 

Irgendwie wartet sie noch. Auf was? Auf wen? Gibt es jemand oder etwas, dass die Lösung bringt? Im Warten wird der Körper vergessen. Sie kehrt zu ihm zurück. Stimmt, da ist diese Kluft, dieses dunkle Loch in der Brust. Oh, da ist viel Traurigkeit. Ein Meer und etwas, dass nicht zulässt davon überspült zu werden. Etwas ist fest, etwas will bleiben, etwas will sich nicht anstellen. Etwas hat genug von dem Schmerz, etwas will einfach in der Masse verschwinden, nicht auffallen.

 

Und darunter liegt diese Traurigkeit. Wenn sie von ihr gesehen wird, dann lächelt sie. Es ist dieser Traum von einer besseren Welt. Sie will sich gesehen fühlen und erleben wie die Würde des Menschen wirklich unantastbar ist. Sie spürt so sehr, dass sie nicht falsch ist mit ihrem Empfinden und das es eine Wirklichkeit geben kann, die sich organisch aus dem Menschsein entwickelt. Oh, es müssen wohl noch viele Tränen geweint werden.

 

Die jetzige Lösung für sie ist in dieser Kluft leben. Ja, so ist es, da ist noch kein Weg. Da ist nur diese Enttäuschung, dieser Weltschmerz. Nur ein stilles weinen und jammern. Ein ins Leere schauen. Da atmet der Körper auf. Keinen Weg sehen, ist auch ein Weg.  

 

Janika

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